Rahels Gedanken zu Trich

Bei diesem Beitrag handelt es sich nicht um einen fertigen Artikel, sondern eher um ein Zusammentragen von Gedanken und den Versuch diese Gedanken zu sortieren und einzuordnen, um uns allen ein bißchen zu helfen, die Zusammenhänge und Automatismen bei Trich zu verstehen und uns selbst dabei ein bißchen betrachten zu können.


In diesem und den folgenden Postings stelle ich einen Gedankengang zur Trichotillomanie vor, der mich schon seit einer Weile beschäftigt und den ich vor allem relevant finde bei meinem Kampf für ein trichfreies Leben - von dem ich glaube, daß es möglich ist!

Alles, was ich geschrieben habe, konnte natürlich nur auf Grundlage bisheriger Diskussionen hier und anderswo entstehen und ich beanspruche zwar das Copyright für die Form, in der ich es jetzt aufgeschrieben habe, keineswegs jedoch für den Inhalt.

Ich spreche in erster Linie für mich und von "meiner" Trich, kann mir allerdings vorstellen, daß es andern teilweise ähnlich geht, und bin gespannt, Eure Meinung zu erfahren (hoffe, die Menge erschlägt niemanden!). Ich habe mein ziemlich langes Geschreibsel (ausgedruckt nimmt es 3 1/2 A-4-Seiten ein) in kleinere Portionen geteilt, dies ist:


Teil 1

Probleme bzw. Krankheiten wie die Trichotillomanie haben zwei Stadien und somit zwei Ebenen - jedenfalls hab ich das für mich so festgestellt.

Zunächst mal gibt es immer einen Auslöser, einen Grund, warum ich mir die Haare ausreiße, z.B. Schwierigem ausweichen wollen, Ängste oder Kummer wegschieben, Freude, Liebe, Wut oder Aggression nicht nach außen bringen etc.
Die Trich bietet in all solchen Situationen eine gegen mich selbst gerichtete Ersatzhandlung als Ventil, und es kann erstmal hilfreich sein, es zur Verfügung zu haben - das ist Stadium/Ebene eins.

Wenn allerdings diese Unfähigkeit, Situationen angemessen und nicht durch Flucht ins Haarereißen zu lösen, unbeachtet und unbehandelt bleibt, verändert sich mit der Zeit etwas und das zweite Stadium entwickelt sich:
Es verfestigt sich die Handlung - die ja zunächst ein Ersatz für das angemessene Klären bzw. Lösen einer problematischen Situation ist - zur Gewohnheit, die immer mehr Raum einnimmt auch in vergleichsweise (zu den ursprünglichen Auslösern) harmlosen Situationen wie Langeweile, Unentschlossenheit, leichtes Unbehagen, Müdigkeit, Tagträumerei etc.
An diesem Punkt kippt es, da wird der Fluchtweg Trich zur Gewohnheit Trich, das ist die zweite Ebene.

Die Trich ist dann, selbst wenn hart daran gearbeitet wird, die Auslöser zu beseitigen (d.h. nach echten Lösungen zu suchen), schon so weit Automatismus, daß sie

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Teil 2

Die Trich muss allerdings nicht einfach nur für immer und alle Tage eine zur Gewohnheit ausgeartete Fehlreaktion bleiben, sondern kann wie ein Störmelder anzeigen, wo etwas verkehrt läuft und somit positiv genutzt werden für die Arbeit an der ersten Ebene, den Auslösern.

Das setzt voraus, daß zuerst an dem zweiten, dem Gewohnheitsaspekt gearbeitet wird, indem das unbewusste Reißen beendet wird (d.h. nicht aufhört, sondern bewußt wird). Dies ist der schwerste Schritt, damit fängt aber alles an (sogar in der Verhaltenstherapie): Trichtagebuch, d.h. Selbstbeobachtung.

Wenn dieser erste Schritt geschafft ist, kann es sofort aufwärts gehen zu Ebene eins:
Bin ich mir in einem konkreten Moment bewusst, daß ich reiße, kann ich möglicherweise noch immer nicht aufhören. Aber ich kann mich beim Weiterreißen fragen, warum ich eigentlich jetzt gerade, in diesem einen Moment, reiße bzw. was ich eigentlich tun will/sollte.

Wenn ich gelernt habe, mich beim ersten Haar bereits zu ertappen, wenn also der Gewohnheitsaspekt ins Wanken gerät, habe ich in der Trich ein wertvolles Signal, das mir anzeigt, wenn etwas nicht stimmt.

Ich kann dann auf den zwei Ebenen jeweils weiterarbeiten:

Auf der Gewohnheitsschiene nehme ich vielleicht einen anderen Gegenstand in die Hand, stehe auf und bewege mich, nehme einen Stift und mache wieder einen Strich oder mehrere in die Liste etc. pp. (es gibt so viele Möglichkeiten wie Trichler...).

Die Auslöserfrage, auf der zweiten Schiene, kann nach und nach geklärt werden indem ich anfangs überhaupt erst mal realisiere, daß etwas nicht stimmt, um dann Stück für Stück zu erkunden, was nicht stimmt, indem ich z. B. anfange, einzelne Gefühle oder Gedanken wahrzunehmen, sie dann vielleicht anzweifle, aber wiederholt beobachte, Zusammenhänge erkenne, sie nicht mehr verleugne, wütend oder traurig oder amüsiert darüber werde, Aha-Erlebnisse und Geistesblitze habe, mir Auswege überlege und schließlich einen Weg suche, die Situation so zu verändern, daß ich kein Ventil in Form der Trich mehr dafür brauche.

Es gibt nicht für jedes Problem bzw. Bedürfnis sofort eine Lösung, aber schon die Anerkennung des Problems als solches wird ja normalerweise durch die Trich verhindert, obwohl das doch die Voraussetzung für eine Lösung ist.

Wenn das Problem/Bedürfnis da sein darf und nicht vermeintlich ausgerissen wird, ist das wichtigste schon erreicht, alles weitere kann noch unendlich mühsam und langwierig sein, aber der Knackpunkt ist geknackt.

Das ist wie mit einer chemischen Reaktion, nehmen wir Tinte im Wasserglas: Wenn die Tinte einmal drin ist, kann nichts sie daran hindern, sich auszubreiten. Es kann sehr lang dauern, der Prozess kann durch herabsetzen der Temperatur vorübergehend eingefroren oder durch Zusätze verändert werden, aber die Vermischung von Tinte und Wasser ist angestoßen und nicht mehr grundsätzlich aufzuhalten.
(Oder, mit Worten aus der Gestalttherapie: Du kannst hinter eine neue Erkenntnis nicht mehr zurück, wenn Du sie Dir einmal erarbeitet hast, kann sie Dir niemand mehr nehmen!)

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Teil 3

Umgekehrt bedeutet diese "Zwei-Ebenen-Theorie", daß die Trich als Gewohnheit (Ebene II) sich auch von der raffiniertesten Verhaltenstherapie niemals vollends beseitigen lassen wird wenn ich nicht tiefer gehe, d.h. auf die Ebene der wirklichen Auslöser (I), die beseitigt werden müssen, denn die Gewohnheit ist ja nur die Oberfläche.

Ich kann zwar den Schmierfilm aus Dreck und Motoröl, der sich auf meinem Gartenteich angesammelt und fast alle Seerosen getötet hat, abschöpfen, aber ich werde das immer wieder tun und tagtäglich viel Zeit und Kraft darauf verwenden müssen, solange ich nicht realisiere, daß er aus der Abflussrinne der Autowerkstatt auf dem Nachbargrundstück gespeist wird, die entsprechend umgeleitet werden muß um das Problem dauerhaft zu lösen.
Nein, das Beispiel hinkt, denn so einfach ist es nicht mit der Trich, es ist ja mit einer ein-für-alle-Mal-Lösung nicht getan.

Also nächster Versuch: Ich kann meinem Kind jedes Mal den Hintern versohlen wenn es zu Besuch bei Freunden oder zuhause mit Gästen mal wieder die Tischdecke samt gerade gefüllten Tellern und Rotweingläsern zu Boden gerissen hat und ihm jedes Mal ein neues Spielzeug schenken wenn es das nicht tut - so lang ich alles auf die Bosheit oder Unerzogenheit des Kindes schiebe und ignoriere, daß es jeweils vorher eine halbe Stunde lang signalisiert hat, daß es müde ist und schlafen will oder eine volle Windel hat und der Hintern wund wird oder Hunger hat und die Flasche leer ist, wird es wieder und wieder aus Verzweiflung aufgrund seines unbefriedigten Bedürfnisses nach Ruhe, Trockenheit, Nahrung genau so aufsehenerregend handeln, auch wenn es weiß, daß es ihm danach eher noch schlechter gehen wird.

Gibt's nicht auch ein einfacheres Beispiel, das der Trich näher kommt? Wenn mir vor Hunger der Magen knurrt, kann ich alle halbe Stunde eine Magentablette nehmen, um irgendwas zu tun, aber es wird nicht wirklich helfen. Erst wenn ich den Hunger als das verursachende Bedürfnis erkenne und ihn durch Nahrungsaufnahme stille, wird mein Magen sich für länger als eine halbe Stunde beruhigen.

Die Trich ist Anzeiger für ein (unbeachtetes und/oder unbefriedigtes) Bedürfnis.

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Teil 4

Die Trich ist Anzeiger für ein (unbeachtetes und/oder unbefriedigtes) Bedürfnis.

Wenn ich dafür sorge, daß das Bedürfnis befriedigt wird, indem ich z. B. statt Unangenehmes aufzuschieben

usw. usw. ... bin ich die Trich los, doch wenn nicht, wird sie immer wieder versuchen, meine Aufmerksamkeit zu erregen, solange das Bedürfnis, z. B. nach Erledigung und Erleichterung, nach Abgrenzung und nach Verteidigung meiner Würde und Rechte usw., besteht.

Die Suche nach einem haar-schonenden Ausweg kann manchmal schon bei "kleinen", individuellen Bedürfnissen, für die es auch einfache, individuelle Lösungen gibt, schwer genug sein, handelt es sich allerdings um Umstände, die ich allein nicht so ohne weiteres umgestalten kann, wird es noch schwieriger, vor allem langwieriger.

Aber um so wichtiger ist es, auch dann die Ursachen dort zu entdecken, wo sie liegen, um mit kleinen Schritten dennoch eine Lösung zu suchen, und wenn sie "nur" in einer veränderten Einstellung zu einer momentan wirklich unabänderlichen Tatsache liegt.

Allerdings entpuppen sich ja die meisten Tatsachen als gar nicht so unabänderlich, jedenfalls solang es sich um von Menschen gemachte Zustände handelt.

Klar, einen toten Menschen kann ich nicht auferwecken (ich kann mich allerdings der Trauer um ihn stellen, statt sie ständig wegschieben zu wollen), einen unheilbar Kranken nicht heilen (aber die Zeit, die noch bleibt, sinnvoll verbringen und Abschied nehmen), ein vom Vulkanausbruch verschüttetes Dorf nicht wieder herzaubern (aber um seinen Verlust trauern und dann überlegen, wo ein neues gebaut werden könnte).

Doch zunehmend menschenverachtende Zustände in einer immer stärker an Wettbewerb und Gewinnmaximierung ausgerichteten Gesellschaft, in Wohnsiedlungen, Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz, im Umgang mit Erwerbslosen, "Ausländern", Behinderten, eigentlich allen Menschen, deren Bedürfnisse nach einem guten Leben missachtet oder gar negiert werden - diese Zustände kann ich verändern, und mir fällt kein Grund ein, warum das nicht versucht werden sollte wenn es mir und andern Menschen dabei hilft, glücklich(er) zu werden.

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Teil 5

Bleibt die Frage, warum Trich als "Störung der Impulskontrolle" bezeichnet wird bzw. ob meine Theorie dazu paßt.

Ich bin nicht ganz sicher, was damit im psychologischen Fachjargon wirklich gemeint ist, aber ich erklär es mal so, wie ich es verstehe:
Gesunde Menschen haben Impulse, die sie je nach Bedarf kontrollieren, Trichler kriegen diese Kontrolle nicht so richtig hin und reißen sich stattdessen die Haare aus.

Nu, wie jetzt?

Haben etwa alle Menschen den Impuls, sich die Haare auszureißen, wobei die meisten ihn allerdings so kontrollieren können, daß sie es nicht tun, und nur wir Trichler kriegen das nicht hin, weil unsere Kontrolle gestört ist? Wohl eher nicht.

Worin besteht der Impuls, worin die Kontrolle, worin die Störung?
Ist die Übersprungshandlung, das Ausweichverhalten gemeint? Alle Menschen haben hin und wieder den Impuls, etwas rauszulassen, Wut, Aggression, Hunger, Trauer, Begeisterung, Liebe, Haß, doch wir Trichler können/wollen/trauen uns nicht, weil wir wissen, unsere Kontrolle ist gestört und es könnte ganz problematische Folgen haben, also reißen wir ersatzweise lieber Haare aus.
Wirklich? Hm, stimmt möglicherweise zum Teil, aber so ganz trifft's die Sache auch noch nicht, denn es geht ja nicht immer um allerheftigste Gefühlsausbrüche.

Vielleicht entspricht der Impuls dem, was ich Bedürfnis nenne, und die Kontrolle regelt die Befriedigung. Weil die bei uns Trichlern aber gestört ist, tun wir einfach das falsche, also statt für die Prüfung zu lernen haarereißen (oder fernsehen und dabei aus schlechtem Gewissen haarereißen, was aufs selbe hinausläuft...), statt die nörgelnde Schwiegermutter in die Schranken zu weisen betreten verstummen und hinterher im stillen Kämmerlein den Frust an den Haaren auslassen, usw.. - ja, so paßt es.

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Teil 6

Nun könnte ich noch überlegen, wie es denn überhaupt dazu gekommen sein könnte, daß ich Trich entwickelt habe, es ist mir nämlich weder ein konkreter Zeitpunkt des ersten Ausbruchs noch irgendein traumatisches oder sonst wie als Auslöser geeignetes Ereignis bekannt.

Aber eigentlich kann mir das schnurzpiepegal sein, weil ich ja weiß, warum ich es JETZT tue, und - viel wichtiger! - was ich tun und lassen und ändern kann, um es nicht mehr zu brauchen.

Und in diesem Sinne danke ich allen, die bis hierher gelesen haben, für ihre Geduld, bin gespannt, was Ihr so meint, und wiederhole mein flammendes Credo:

Es lebe der Glaube an ein trich-freies Leben!

Rahel

PS: Trotz Magisterarbeit, die mich wirklich ziemlich streßt, bin ich seit mittlerweile sechs Wochen reißfrei. Nur damit keiner sagt, das sei ja nur graue Theorie - für mich klappt's momentan sehr gut! Aber Ihr dürft das Ganze natürlich auch zerreißen.


Bitte lest auch die sehr interessante Diskussion dazu im Forum!

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