Tips für Eltern und Angehörige von Kindern mit Trichotillomanie

Dr. Ruth Goldfinger Golomb
übersetzt von Ann Tomica

Wichtig zu wissen ist, daß viele Kleinkinder aus dem Verhalten herauswachsen, wenn es vor dem 6. Lebensjahr anfängt. Leider ist das aber für manche nicht der Fall und dafür für alle besorgten Angehörigen die folgenden Tips.

Als erstes, nicht verzweifeln! Es ist sehr wichtig, daß man einen lockeren Umgang mit dem Problem hat. Unter keinen Umständen sollte ein Kind, egal in welchem Alter, unter Druck gesetzt werden, gehänselt oder sogar bestraft werden. Die folgenden Vorschläge können durchaus vereinzelt oder zusammen angewandt werden. Wenn eine Sache nicht hilft, nicht gleich für immer vergessen, sondern erst etwas anderes probieren und dann später eventuell wieder einsetzen.

Alter ca. 0-5 Jahre

Kinder in dieser Altersgruppe scheinen zusätzliche körperliche Stimulation zu brauchen. Das Haareausreißen dient als ein selbstberuhigendes Verhalten - ähnlich wie Daumenlutschen, das Hin- und Herschaukeln oder das Streicheln eines Stofftieres. Sie lieben und brauchen viele körperliche Streicheleinheiten.

Was kann man versuchen?

Alter ca. 4-5

Hier sind tastbare "Spielsachen" angesagt. Typische kritische Haarausreißzeiten sind fernsehen, im Auto sitzend, und im Bett vor dem Schlafengehen. Alles, was eine interessante Struktur hat, ist auszuprobieren: Sandpapier, Kooshbälle, Kochtopf, Schrubber, oder Samt sind einige Beispiele. Ermutigen Sie das Kind, solche Spielsachen mit sich herumzutragen und öfters anzufassen, besonders während kritischer Zeiten.
Die Idee hinter diesen Vorschlägen ist folgende: Geben Sie Ihrem Kind besonders viel körperliche Stimulation zu Zeiten, wenn Trichotillomanie auftritt, um dies möglichst zu verhindern.

Alter ca. 5-10

Normalerweise gibt es in dieser Altersgruppe noch keine verschlechternde Selbstwertschätzung durch die Trichotillomanie. Der Schlüssel ist, das beizubehalten. Die Kinder brauchen viel Verstärkung und müssen wissen, daß alle Menschen Probleme haben und ihr Problem nicht so schlimm ist. Das Haarausreiß-Problem ist nur ein kleiner Teil von ihnen. Kinder mit Trichotillomanie in diesem Alter tendieren im Winter mehr zum reißen als in Frühling oder Sommer. In den warmen Monaten sind Kinder im allgemein aktiver und mehr draußen. Für ein aktives Leben sollte man das Kind z.B. zum Sport ermutigen. Man bekommt automatisch viel körperliche Stimulation, welche in diesem Alter auch noch sehr wichtig ist. Schwimmen wirkt sehr stimulierend. Die Hauptsache ist Ablenkung auf andere Dinge.
Nochmals: beobachten Sie genau, wann bzw. bei welchen Situationen Trichotillomanie vorkommt: z.B. bei Hausaufgaben, beim Fernsehen, im Auto, im Bett liegend, oder morgens vor dem Kleiderschrank.
Schauen Sie nach tastbaren Gegenständen, die interessant sind. Andere Beispiele: Muscheln, ein ganz glatter Stein, eine Perlenkette oder "Playdough"-Knete. Es muß nur irgendetwas mit einer ungewöhnlichen Beschaffenheit sein. Wenn das Kind etwas in der Hand hat, dann ist es unwahrscheinlicher, daß es Haare ausreißt. Es ist eine gute Idee, für jede kritische Zeit ein anderes Objekt zu haben. Dadurch trainiert sich das Kind an, sich an verschiedene Stimulationen zu gewöhnen, und das Risiko von Langeweile ist nicht zu groß.
Experimentieren Sie mit dem Kind mit einer neuen Friseur.
Die wichtigste Mitteilung von Angehörigen ist die folgende: Keine Angst vor dem Versagen. Man muß die Einstellung prägen, daß wenn eine Sache nicht klappt, dann wird etwas anderes ausprobiert. Rückenstärkung ist alles.

Alter ca. 11-16

In diesem Alter haben Kinder eine ganze Reihe anderer Sorgen, wie Identitätsfragen, Umgang mit dem anderen Geschlecht usw. Trichotillomanie zu dieser Zeit zu haben ist dafür besonders schwer für Kinder, weil die Selbstwertschätzung darunter sehr leiden kann. Eltern sollten sich ein bißchen zurückziehen und das Kind mehr an sich selbst arbeiten lassen. Nörgeln ist das Schlimmste, was man machen kann, weil das Kind als Reaktion darauf alles abblocken könnte und das Problem dadurch verstärkt würde.
Gute Ergebnisse wurden erzielt durch ein "Anreiz-System". Das Kind sucht sich einen Gegenstand für eine kritische Zeit aus (z.B. einen Bleistift mit einem Troll mit Haaren darauf). Dieser Gegenstand muß dann für die Dauer der Hausaufgaben gehalten werden. Wenn das erfolgreich durchgeführt wurde, "verdient" das Kind eine vorher mit den Eltern ausgemachte Belohnung. Sehr wichtig ist, daß die Motivation vom Kind kommen muß. Es sucht ein Objekt aus UND die begehrte Belohnung. Es kann auch ein Punkte-System ausgearbeitet werden, das man später "einlöst", z.B. 10 Punkte geben eine Übernachtung bei einer Freundin.
Dieses System verstärkt Verantwortung, Management und das Kind hält die Zügel selbst.
Der ganze Focus soll nicht auf das negative Verhalten gerichtet sein, sondern auf Alternativen. Man sollte nicht nach neuem Haarwuchs schauen. Es kann für das Kind leicht frustrierend sein, da Haare unterschiedlich schnell wachsen und es könnte unerwünschten Druck ausüben. Motivation zum Weitermachen ist viel wichtiger.
Gummi-Fingerkappen (Bürobedarf) können hilfreich sein während der Hausaufgaben. Hauptsache ist, daß das Kind mitbestimmt.
Das Kind kann versuchen, bei Risikozeiten einen Hut oder Tuch aufzusetzen. Sie sollten konsequent angezogen werden und immer einen festen Platz haben, z.B. auf dem Fernseher. Fragen Sie Ihren Sohn/Ihre Tochter, was er/sie hilfreich fände. Wenn das Kind sagt "Bitte nicht nachfragen", dann sollte man das akzeptieren. Teilen Sie dem Kind aber mit, daß Sie in ein paar Wochen wieder fragen werden, weil es sein könnte, daß es seine Meinung inzw. geändert hat. Es ist auch sinnvoll zu fragen, ob man es erinnern soll, wenn es mal das "Spielzeug" hinlegt und die Haare anfasst. Zusammen könnte man eine Art "Code" ohne Worte ausarbeiten, wobei man nur mit einer Geste das Kind erinnert.
Es kann notwendig sein, zusammen mit einem Therapeuten zu arbeiten, um andere typische Jugendprobleme zu besprechen.

Dieser Text wurde von einer Hörkassette aus dem Amerikanischen übersetzt. Die Autorin, Dr. Ruth Goldfinger Golomb, gab diese Tips in einem Vortrag im Mai 1994 in den U.S.A. Sie ist Verhaltenstherapeutin und arbeitet mit Kindern und Eltern, sowie mit Erwachsenen mit Trichotillomanie und anderen Zwangserkrankungen.