Snoopine

(aus dem Forum vom 27.12.06)

Liebe Doris,
gerade bin ich hier ins Forum gegangen und hab deinen Beitrag gelesen.
Du schreibst: Wie bitte schafft ihr es, z.B. 39 Tage reißfrei zu bleiben.

Nun, bei mir sind es mittlerweile über 400 Tage Reißfreiheit. Eva hat mir auch schon mal gesagt, dass ich beschreiben soll, wie ich das geschafft hab. (Meine Bilder findest du übrigens auf der Homepage. Da ich 30 Jahre beinahe ohne Unterbrechung gerissen habe, sind immer noch sehr große Kahlstellen vorhanden. Allerdings belasten sie mich nicht mehr, ich sehe sie als Narben meiner Trich.)

Ja, wie hab ich das nur geschafft? Das war das Ergebnis jahrelanger Arbeit an und mit mir selbst und manchmal kann ich es selbst noch immer nicht ganz glauben, das ich es geschafft habe!! Ich habe viele Dinge gemacht und manchmal hätte ich mir diese Therapien und Seminare gar nicht leisten können, trotzdem hab ich meine Schwerpunkte darauf verlegt, weil es immer mein größter Wunsch war, endlich glücklich zu sein. Angefangen hab ich mit ca. 31 Jahren mit einer Gesprächstherapie. Damals war meine Tochter gerade 2 Jahre alt und ich hatte mich von ihrem Vater getrennt. Ich war unglücklich und habe mich einer Freundin anvertraut. Sie hat mir dann geraten, eine Therapie zu machen. Offensichtlich war mein Leidensdruck so groß, dass ich das auch gleich in Angriff genommen hab.

Ich komme aus einer Familie, in der immer nach außen alles hui war und innen ziemlich viel pfui. Meine Tochter sollte glücklicher groß werden als ich, ja, ich glaube, erstmal habe ich es für meine Tochter angefangen. Trotzdem war es mir auch in und nach der Gesprächstherapie lange noch nicht möglich, mit dem Reißen aufzuhören. Mir ist es nach der Gesprächstherapie innerlich besser gegangen und ich weiß nicht, ob du das kennst, ich hab es wieder für ein paar Jahre geschafft, meine Reißerei zu verdrängen. Es war mir zwar bewusst und doch wollte ich mich damit nicht auseinander setzen. Es gab sowieso niemanden, mit dem ich mich darüber groß unterhalten hätte können, Trich war einfach völlig unbekannt. Hab ich gedacht und es dabei belassen. Und meinen Freunden, denen hab ich schon erzählt, dass ich mir mal die Haare gerissen habe und damit Schluss. Alle habe es so hingenommen, ich hab ja auch deutlich signalisiert, dass ich darüber nicht sprechen möchte. Also war ich mit meiner Tochter allein, ohne Vater. Freunde hatte ich immer, ich brauchte etwas fürs Herz. Die Männer, die ich mir damals gewählt habe taten mir nicht besonders gut und so habe ich hin und wieder einen gehen lassen und mich bald mit einem anderen angefreundet. Nur nicht allein sein!

Als meine Tochter vier Jahre alt war, hat sich mein Vater das Leben genommen und ich hatte wieder größere Reibereien mit meiner Mutter. Als meine Mutter anfing, ihren Zorn an meiner Tochter auszulassen, habe ich erstmal den Kontakt zu ihr abgebrochen. Vor ca. 9 Jahren hab ich dann den Vater meines Sohnes kennen gelernt. Er war anders. Er war sehr Familienverbunden und hat sich erstmal sehr um mich bemüht. Als ich im dritten Monat schwanger war, hat er mich verlassen, er hat es nicht geschafft, sich dauerhaft von seinen Eltern zu lösen, die ihn immens unter Druck gesetzt haben. Die Schwangerschaft alleine hat mir einerseits sehr viel Kraft abverlangt und andererseits habe ich dadurch auch sehr viel an Kraft gewonnen. Ich kann das nicht so genau beschreiben, was damals mit mir passiert ist. Jedenfalls war da für mich klar, dass ich in Zukunft erstmal alleine bleiben werde und mir dann die Männer etwas genauer anschauen würde, bevor ich mich Hals über Kopf in sie verliebe.

Die Geburt meines Sohnes war ein Horror für mich. Nach vier Stunden heftigster Wehen ist mir die Gebärmutter gerissen und ich hatte einen Notkaiserschnitt. Ich hatte noch niemals in meinem Leben so große Angst zu sterben, wie damals! Wir hatten beide großes Glück, wir waren trotz aller Tragik gut weggekommen. Ich war übrigens immer noch allein damals, welcher Mann lässt sich auch mit einer schwangeren Frau ein?! Als mein Sohn 1 Jahr alt war habe ich eine Ausbildung zur Lernberaterin gemacht. Arbeiten mit Kinesiologie, das wurde mir während eines Kuraufenthaltes von einem Atemtherapeuten empfohlen, das war sehr spannend für mich. (Wobei ich mittlerweile nur noch mit Teilen der Kinesiologie arbeite, die Art der Diagnostik lässt mich doch sehr zweifeln.) Durch die Ausbildung habe ich eine Kinderdorfmutter kennen gelernt, die mich gefragt hat, ob ich nicht so hin und wieder mal die Wochenend- und Ferienbetreuungen für ihre Jugendlichen übernehmen möchte. Das hab ich mir angeschaut und hatte großen Spaß daran. Wir mussten zwar eine recht große Anfahrt in Kauf nehmen, das war es mir allerdings wert. Meine Kids waren immer dabei.

In dieser Einrichtung habe ich dann meinen damaligen Partner kennen gelernt. Das war etwas ganz neues. Erstens, weil ich ja seit zweieinhalb Jahren alleine mit meinen Beiden gelebt hatte und zweitens, weil das ein sehr ruhiger und selbstloser Mensch war. Er hat mir in jeder Minute das Gefühl gegeben, das ich unendlich wichtig bin. Da ich mich allerdings noch nicht so sehr schätzen konnte, hat auch diese Verbindung nur drei Jahre gehalten. (Heute ist er einer der wertvollsten Menschen für mich. Obwohl ich ihn verlassen habe, wollte er weiterhin Kontakt, allein schon wegen der Kinder. Auch wenn sich das seltsam anhört, wir telefonieren täglich und die Kinder fahren immer den ganzen August zu ihm. Ich kann das so annehmen und für ihn ist es auch gut so.) Seither lebe ich wieder alleine.

Vor eineinhalb Jahren habe ich dann wieder einen Mann kennen gelernt. Er ist letzten März extra wegen mir hierher gezogen, wir leben allerdings immer noch getrennt und das ist im Moment auch gut so. Ich war und bin immer noch so verliebt, wie noch nie in meinem Leben. Und doch, als ich ihn kennen gelernt habe und er mir gezeigt hat, wie sehr er mich mag, hab ich mehr denn je an meinen Haaren gerissen, das war eben vor eineinhalb Jahren. Ich bin so erschrocken, ich habe das gar nicht verstanden. Da werd ich so sehr geliebt und reiße noch mehr, als sonst?

Tja und eines Nachmittags, es waren zufällig(?) alle meine Freunde anwesend. Da ist es aus mir rausgeplatzt. Ich habe allen, die mich schon seit Jahren kennen, erzählt, dass ich mir immer noch und mehr als je zuvor die Haare ausreiße, und dass ich sie esse und dass ich ganz wild darauf bin, die Wurzeln zu essen, weil die so schön knacken. Und alle haben es sich angehört und konnten es überhaupt nicht verstehen. Und sie haben mich nicht im Stich gelassen, sie haben sich nicht abgewendet. Sie haben mich in den Arm genommen und haben mich einfach weinen lassen. Ich habe an diesem Tag soviel und so schnell Wein getrunken, dass ich mich total ausgekotzt hab. Werd ich wohl so gebraucht haben. Es war ja auch nicht geplant, ich war ja selbst völlig entsetzt von mir!! Und von den Dingen, die ich so offen und laut ausgesprochen hab!! Und dann habe ich einfach aufgehört, mit dem Reißen. (Vielleicht war es genau das, endlich mal ganz offen und laut auszusprechen, was ich tue.) Ja, daraufhin hab ich mir das Reißen abgewöhnt.

Ich habe einfach nicht mehr gerissen. Ich wollte es nicht mehr machen!!! Ich hatte schreckliche Wochen, als ich aufgehört habe zu Reißen, ich bin hier mit einer Mütze im Haus herumgelaufen, ich war total eklig drauf, einige Zeit und ich habe es geschafft. Ich habe mir das Reißen abgewöhnt. Vielleicht liegt es daran, dass sich mein Leben die vergangenen 12 Jahre lang so langsam zusammengefügt hat, ähnlich, wie ein Puzzle? Und sicherlich war es auch, weil ich ja von Herzen gern wirklich glücklich sein wollte! Da war ich wohl bereit, alles dafür zu geben.

Und ich bin ein Kämpfer, das weiß ich sehr gut, das hat mir auch mein Leben gezeigt. Ich wollte auch nie ernsthaft und dauerhaft so eine unglückliche Verbindung leben, wie meine Eltern es taten. Es waren so viele kleine und größere Ereignisse, die mich verändert haben. Ich habe sie bemerkt und irgendwann erkannt, dass jedes einzelne dieser Teile sehr wichtig für mich war. Jedes Erlebnis in meinem Leben, an das ich mich heute noch erinnern kann, hat dazu beigetragen, dass ich heute reißfrei bin und vor allem mein Wunsch nach Glück und Zufriedenheit.

Ich lebe nach den „Vier Versprechen“ von Don Miguel Ruiz, d.h. ich bemühe mich, danach zu leben. Das ist für mich Teil meiner Lebensaufgabe. Je nach Tagesform mal mehr, mal weniger gut. Doch, tue ich immer mein bestes und so komme ich gut damit klar! Ich bin ein großer Fan von „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick, ein Landsmann von dir. (Übrigens, meine Mutter ist auch immer noch Österreicherin, obwohl sie seit 44 Jahren in Deutschland lebt. Und wir haben heute ein sehr gutes Verhältnis, ich sage immer sehr klar und freundlich, was ich möchte und das klappt!)

Ich versuche so gesund, wie möglich zu leben, in den drei wichtigen Bereichen: Körper, Geist und Seele. Ich achte auf mich und lege Wert auf viele kleine Rituale. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass ich selbst in großen Stresssituationen gar nicht mehr daran denke, mir die Haare zu raufen. Ich denke, dass ich tatsächlich über den Berg bin!! Ich bin überzeugt, dass jeder reiß frei werden kann!! Und ich stelle fest, dass es sehr viel Freude macht, sich um die Gesundung von Körper, Geist und Seele zu kümmern und, ohne das Reißen zu leben!! Meine Haare wachsen, sie werden immer dichter, wie oben schon erwähnt, komme ich mit den Trichnarben gut klar, viele Krankheiten hinterlassen einfach Spuren fürs Leben. Ich erlebe heute eine so große Freiheit, ich liebe meine Haare und freue mich täglich darüber, dass sie wachsen!!!

Ich habe die große Aufgabe zwei Kinder auf den rechten Weg zu begleiten und meine Tochter spiegelt mir heute viele Dinge aus meiner eigenen Jugendzeit. Ich glaube, dass wir uns einfach bei allem, was wir tun die Frage stellen müssen, was bringt es mir, wenn ich das oder das so tue. Was werde ich dann erreichen? Wohin wird mich mein Verhalten bringen? Wo möchte ich hin? Was hätte ich gerne? Was brauche ich, um wirklich glücklich zu sein? (Damit meine ich keine materiellen Dinge) Was muss ich tun, für mein Seelenheil?

Liebe Doris, ich wollte nur mal kurz ins Forum schauen, wie jeden Tag. Jetzt hab ich dir so vieles auf deine Frage geschrieben und ich danke dir, für deine Frage, es hat mir sehr gut getan, dies zu schreiben!

Es ist ganz einfach: JEDER IST SEINES GLÜCKES SCHMIED!! Wir müssen uns nur die Mühe machen, ganz tief in uns hinein zu horchen, da ist die Antwort zu finden!

Es geht sicher nicht darum, es anderen recht zu machen. Denn wenn ich glücklich bin, dann geht es anderen auch gut. Und wenn es anderen mit meinem Glück nicht gut geht, dann sollen sie sich jemanden suchen, der sich krank machen läßt.

Ich war lange Jahre innerlich sehr krank und freue mich, dass ich heute recht gesund bin. Und ich wünsche allen Kranken, egal, woran sie leiden, dass sie für sich einen Weg finden, mit dem sie gut und zufrieden sind!!! Von ganzem Herzen wünsche ich das allen Menschen!!!

Gute Nacht,
Tina