Warum reiße ich eigentlich?

November 2005

Ich weiß es nicht.
Ich muss irgendwann mit ca. 13 angefangen haben. Ich kann mich noch genau erinnnern, wie im Fernsehen ein Zeichentrick von Mr. Rossi, der sich die Haare raufte, lief. Irgendwann habe ich dann kurz darauf auch damit angefangen. Ich hatte eine Freundin gesehen, die Haarspliss bearbeitete und ich wollte doch auch keinen Spliss haben.
Leider hat sich das dann verselbständigt. Mittlerweite bin ich fast 30 Jahre und versuche verzweifelt davon los zu kommen. Mal ist der Wunsch stark, es nie wieder zu tun, manchmal ganz schwach und ich gebe mich dem Verlangen hin. Dann helfen auch keine guten Worte von Eltern oder Ehemann, der Drang ist einfach stärker.

Die Trichotillomanie begleitet mich jetzt schon mehr als die Hälfte meines Lebens. Vor meiner ersten näheren Freundschaft habe ich das noch geheim gehalten. Bei meinem ersten richtigen Freund habe ich dann darüber gesprochen. Aber alles, das Verständnis und die Akzeptanz, die mir entgegengebracht wurden, war falsch. Sie war zu überprotektiv.

Ich bearbeite meine Haare seit je her in unterschiedlicher Intensität. Bei Streß gehäuft, da habe ich auch im Berufsleben keine Chance dem Drang zu wiederstehen. Selbst wenn mein Chef dabei sitzt, muß ab und zu ein Haar dran glauben. Grundsätzlich sind das nicht nur die Kopfhaare, sondern alle Haare des menschlichen Körpers. Mittlerweile ist ein riesiges Areal auf meinem Hinterkopf und an der Front „abgegrast“, so dass man es kaum noch verstecken kann. Dabei werden mit Vorliebe dunkle oder Haare, die einen Splißansatz haben oder uneben / wellig (und deshalb „schlechte Haare“) sind herausgerissen; die Wurzel wird begutachtet, für gesund befunden und weggeschmissen. Falls sie nicht gesund war, hatte das Haar sowieso keine Daseinsberechtigung. Ich weiß, wie schlimm sich das jetzt anhört, aber so ist es nun einmal.

Weil ich nun merke, dass etwas passieren muß, kämpfe ich dagegen vermehrt an. Ich musste mir aber eingestehen, dass ich zwar seit mehreren Tagen das Ausreißen von Kopfhaar in Griff habe, jedoch nicht das „Splissvernichten“ und das Reißen anderer Körperhaare. Es ist für mich ein ziemlicher Tiefschlag, mir das einzugestehen.

Mein Vater hatte ziemlich bald bemerkt, dass ich Haare reiße und hat mich zur Rede gestellt. Ich fand und finde es immer sehr demütigend, wenn gefordert wird, dass ich meinen Kopf zeige. Es ist mittlerweile mit Alpträumen behaftet. Meine Mutter sagt nur, wie eklig sie mich und die Haare findet und das ich nur Schmutz mit meinen Haaren hinterlassen würde. Dabei fällt mir ein, dass ihre Tante mich einmal in einem anderen Zusammenhang angesprochen hatte und mir erzählte, dass meine Mutter in der Kindheit mit ihren Fingern immer „so komisch“ ihre Haare gedreht und gezwirrlt hätte. Ich frage mich, ob das nicht irgendwie dasselbe ist. Darauf angesprochen, sagt meine Mutter, dass diese Tante lügt.

Die Ursache für die Trichotillomanie sehe ich in meinen Minderwertigkeitskomplexen. Ich habe zwar studiert und eine gute Stelle, aber ich halte mich für unfähig. Zwar weiss ich ganz genau, dass ich bei meinen Kollegen und Vorgesetzten gut angesehen bin und ich kenne (eigentlich?) meine Fähigkeiten, aber irgendetwas im Inneren in mir sagt mir, dass ich ein Betrüger bin und überhaupt gar nichts kann.

Ich lege zu weilen einen Perfektionismus an den Tag, dass es beängstigend sein kann. Auch hier merke ich, dass dies krankhafte Ansätze sind und ich sie kontrollieren muss, bevor ich entdeckt werde, oder eine neue Form einer Zwangskrankheit auftreten könnte. Wenn mein Schreibtisch dann im Vergleich zu den anderen zu ordentlich aussieht, lasse ich absichtlich etwas liegen, damit niemand auf die Idee kommt, dass es zu ordentlich sein könnte.

Warum ich heute schreibe? Ich bin gerade sehr angespannt, so dass mir die innere Anspannung fast die Luft zum Atmen nimmt und ich das Gefühl habe zu ersticken. Meine Armmuskulatur ist komplett gespannt. Aber ich möchte, ich WILL, ich MUSS unbedingt aufhören. Also schreibe ich. Vielleicht hilft das.

Zwänge haben mein Leben schon immer beherrscht. Ich habe mein Studium direkt durchgezogen. Ohne Pausen. Ohne Wiederholungen. Wie ich um eine Verschnaufpause / ein Semester zum Lernen gebeten habe, hatten meine Eltern schwer geschimpft. Mir war auch noch deutlich bewusst, was passiert ist, als ich beim ersten Anlauf durch die Führerscheinprüfung geflogen bin. Danach musste ich alles selbst zahlen, damit ich besser lernte, worauf ich natürlich bestand.

Und so ist es jetzt auch im Leben. Ich arbeite ganztags mit zum Teil deutlich mehr als 50 Stunden pro Woche, habe einen 3 jährigen tollen Sohn, um den ich mich gerne mehr kümmern würde. Als ich meiner Mutter vorgeschlagen habe, beruflich etwas kürzer zu treten, hat sie nur gemeint, dass sie damals alles mit links geschafft hat, und dazu hatte sie ja noch ein neues großes Haus zu versorgen. Ich soll mich nicht so anstellen und jammern.

Also arbeite ich von morgens bis spät und auch am Wochenende. Ich bin schon gar nicht mehr gewohnt, irgendwann innezuhalten. Selbst in den Semesterferien habe ich so gut wie immer gejobbt. Alle Tage im Urlaub sind meistens von vorne herein zugeplant. Schließlich will ich meinem Sohn etwas bieten können in der wenigen Zeit, in der ich bei ihm bin. Mein Sohn dankt es mir voll. Es tut wahnsinnig gut zu hören: Du bist super, Mama. Da freue ich mich immer gaaaanz riesig. Für ihn würde ich alles tun.

Leider habe ich das Gefühl, dass ich mit dem erlernten Anspruchsdenken auch meinen Mann miteinbeziehe. Aber ich denke, da unsere Beziehung auf der Kippe stand, dass ich mich schon gebessert habe. Mehr möchte ich dazu nicht aufschreiben, denn ich möchte diese Zeilen meinem Mann geben, damit er mich verstehen lernt. Denn ich habe das Gefühl, das er mich gar nicht versteht.
Heute Morgen zum Bespiel kam ein Satz: ich habe mir die Haare zu kurz geschnitten. Soll ich jetzt zu meinen Kollegen sagen, dass das Trichotillomanie ist? Das tat so weh. Schliesslich weiss das sonst kaum einer. Auch wenn es nur als Witz gemeint war. Damit kann man keine Witze machen, denn ich leide fürchterlich darunter und könnte eigentlich nur noch weinen.

Was erwarte ich eigentlich von meinem Mann? Ich habe vor ein paar Tagen gesagt, dass ich gerne nach Braunschweig zum Haaranschweißen mit ihm gehen würde. Als ich dann den Preis gesehen habe, habe ich es mir natürlich wieder aus dem Kopf geschlagen. Aber so etwas in der Art. Das er Verständnis hat.

Dass er keine Witze darüber reißt.
Dass er sich die Homepage von Trichotillomanie.de anschaut und mal andere Erfahrungsberichte liest. Ich habe ihn darauf hingestoßen, aber passiert ist nichts.
Dass er toleriert, wenn ich dem Zwang nicht wiederstehen kann und nicht sagt, hör auf.
Das er mich liebt, wie ich bin.
Ja liebt.
Ich habe nicht das Gefühl, von ihm geliebt zu werden, sondern eigentlich nur gebraucht.
Als Mutter für unseren Sohn.
Als Hausfrau.
Als Mutterersatz.
Dabei hätte ich gern etwas Liebe.
Vielleicht 1 mal am Tag eine 5 minütige Krauleinheit oder Massageeinheit oder einfach nur „liebdrücken“. Nicht nur immer anschreien.
Ohne Gemecker. Ohne „die Zeit ist schon um“. Ohne Witz.
Einfach mit viel Liebe und den Ernst der Lage sehend.
Ich weine schon fast wieder.
Ist dies vielleicht der Schlüssel zum Erfolg?
Vielleicht.

Punkt 1 fehlendes Selbstbewusstsein bearbeitet ja gerade unbewusst mein Sohn mit: Du bist super, Mama.

Punkt 2 dominante Mutter, der man nichts recht machen kann bearbeite ich selbst, indem ich den Kontakt aufs Nötigste minimiere und Gespräche im Keim ersticke, die mich belasten, und mich schnell verabschiede.

Punkt 3 meine Gefühle. Ich glaube, die gehe ich gerade mit diesem indirekten Brief an meinen Mann an. Vielleicht versteht er mich ja.

Von Butterfly