Nach 28 Jahren geheilt

März 2015

Ich bin 47 Jahre alt und habe als 18 Jährige mit dem Haare ausreissen begonnen. Als meine Mutter die kahlen Stellen auf meinem Kopf bemerkte, ging sie mit mir zum Arzt. Dieser diagnostizierte kreisrunder Haarausfall. Niemals hätte ich zugegeben, dass ich mir die Haare ausriss. Ich wusste nicht warum ich es tat und schämte mich dafür. Es gab Zeiten, da ich weniger riss und sich meine Haare etwas erholten, doch eine richtige Pause gab es nie.

Wenn ich zum Coiffeur ging, hatte ich immer Angst, dass Fragen kommen und ich irgendwas erzählen musste. Nach der Geburt von meinem zweiten Kind, sagte ich einer Coiffeuse, die mich auf den ‚Haarausfall’ ansprach, dass es von der Schwangerschaft her komme. Ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, um meine Probleme aufzuarbeiten, doch über das ‚Reissen’ konnte und wollte ich mit niemandem reden.

Vor etwa 5 Jahren stiess ich im Internet auf die Trichotillomanieseite und stellte fest, dass dieses Verhalten einen Namen hat und eine Krankheit ist. Seither hat sich für mich einiges geändert. Ich merkte, dass ich nicht einfach komisch bin und dass es andere Menschen mit der gleichen Krankheit gibt. Mein Entschluss stand wieder einmal fest: ich wollte aufhören! Doch wie? Noch immer schämte ich mich für diesen Tick. Ich stellte fest, wann ich riss: unter Stress oder wenn ich traurig oder unzufrieden war.

Im Internet fand ich einen Hypnosetherapeut und als ich dann endlich den Mut aufbrachte, rief ich ihn an und machte einen ersten Termin bei ihm. Er führte mich in die Kindheit zurück und mir wurde bewusst, woher mein Gefühl kam, mich nicht verstanden zu fühlen. Ich fühlte mich so hilflos, verzweifelt und wütend, dass es mir ‚zum Haare ausreissen’ war. Heute kann ich mit diesen Gefühlen besser umgehen und weiss, dass sie zum Leben dazu gehören und auch wieder vorbei gehen.

Nach 3 Sitzungen habe ich mit dem Reissen aufgehört. Nun bin ich seit über einem Jahr von diesem ‚Tick’ befreit. Ich versuche liebevoller mit mir selbst zu sein und mich so zu akzeptieren wie ich bin. Den lichten Haarwuchs auf dem Oberkopf ist geblieben, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Haare wieder nachwachsen.

Habt Mut und lebt das EIGENE Leben, mit all seinen Ecken und Kanten!