Die Henne oder das Ei

Frühjahr 2000

Hallo Eva,
ich habe vor einigen Monaten im Internet nach Informationen zu Trich Ausschau gehalten und bin hauptsächlich in Amerika fündig geworden. Jetzt hab ich mich gefreut, auch im deutschsprachigen Raum mehr zu finden. Allerdings ist Österreich noch (wie so oft) kein ergiebiges Pflaster.

Ich bin 34 und habe mit ca. 14 mit dem Haarereißen begonnen. In Abständen (manchmal von mehreren Jahren) kam es immer wieder. Vorher hatte ich einen Schnüffeltick und davor extremes Nägelbeißen. Zusätzlich begann ich schon als Kind (ca. 6) mit masochistischen Selbstschädigungen bzw. Phantasien darüber, die die einzige Möglichkeit für sexuelle Erregung waren und sind. Mit 17 hab ich in einem Buch von Christa Meves ein Kapitel über Haarreißtick gefunden, was mich damals zwar erleichterte, zu lesen, daß es das nicht nur bei mir gibt, geholfen hat es natürlich nicht. Zur Matura, bzw. immer wieder bei Prüfungssituationen, war es immer sehr stark. Hatte große Löcher, obwohl es nicht nur dann Streß gab. Momentan ist es auch wieder stark, obwohl ich in keiner Prüfungssituation bin. Komischerweise hat meine Mutter, die sich immer furchtbar darüber aufgeregt hat, vor einigen Jahren auch extrem mit dem Haarereißen begonnen.

Ich habe mit 23 einmal eine Gesprächtherapie begonnen, die ich dann selber beendet habe, die zwar meine masochistischen Probleme etwas gebessert hat. Nachdem es einige Jahre später wieder ganz arg wurde, hab ich eine Psychotherapie bei einer Analytikerin begonnen (seit 6 Jahren). Einige Dinge haben sich dadurch schon zum Besseren gewendet, das Haarereißen konnten wir aber noch nicht wirklich in den Griff bekommen. Entgegen der Meinung, daß die AnalytikerInnen sich damit nicht auseinandersetzen (oder nur sehr einseitig), ist es bei meiner nicht so. Sie sucht auch immer Informationen dazu, und wir versuchen, gemeinsam zu verstehen, wann es auftritt, was genau Auslöser ist, etc. Nachdem das Haaarereißen aber nicht mein einziges Problem ist, müssen wir es auch mehr im Zusammenhang mit den Anderen sehen. Sie drückt mir auch nicht irgendwelche unsinnigen Interpretationen dazu rein. Ich find es nicht so hilfreich, wenn immer nur die Verhaltenstherapie als die Superlösung hingestellt wird. Nachdem bei mir ein Zwang den nächsten abgelöst hat, kann ich mir schwer vorstellen, daß es damit getan ist, sich den einen abzugewöhnen und damit das Problem zu lösen. Meiner Erfahrung nach konnte ich mir nie einen Zwang abgewöhnen, sondern auf einmal, von einem Tag auf den Anderen, war er weg und der Neue da.
Ich hab gerade irgendwo auf der Homepage gelesen, daß Serotoninhemmer angeblich eine gute Möglichkeit sind, das kann ich nicht bestätigen. Ich nehme seit einigen Monaten zusätzlich zur Therapie Remeron, das in diese Kategorie fällt, weil meine Depressionen durch eine Phase von Arbeitslosigkeit ziemlich arg wurden (das hat sich jetzt gebessert), aber auf das Haarereißen hatte das Medikament überhaupt keinen Einfluss.

Was das Auftreten in unterschiedlichen Kulturen betrifft, so hab ich in Frankreich eine Algerierin getroffen, die als Tellerwäscherin arbeitete und sehr stark gerissen hat. Ich war die erste Person, mit der sie darüber geredet hat, und für mich war sie auch die Erste, die ich persönlich getroffen hab. Als ich heuer einen sehr stressigen Kurs an der Uni besuchte, saß unter mir eine Spanierin, die auch große Löcher hatte, die mit der Nähe zur Prüfung immer größer wurden. Ich traute mich aber nicht, mit ihr darüber zu reden.
Österreicherin hab ich noch keine getroffen. Hast Du vielleicht schon Zuschriften von jemandem aus Österreich bekommen, der betroffen ist? Über das Internet zu kommunizieren, find ich auch gut, wenn es in der Nähe noch keine Gruppe gibt. Was mich immer wundert ist, daß es so gleiche Dinge sind, die berichtet werden. Bei mir ist es auch so, daß ich die Haare nach einer bestimmten Struktur (dick und gekräuselt) aussuche und mit der Wurzel ausreisse. Die Wurzel(n) muß ich dann über die Lippen und über den oberen Handrücken streichen, wobei das feuchte Gefühl wichtig ist. Erst dann beiß ich die Wurzel ab und schmeiß die Haare weg.

Über Details über meine Kindheit und Familientragödie möchte ich dich lieber verschonen. Ich bin aber sicher, daß das zu meinen Problemen geführt hat. Falls es irgendwas mit einem Ungleichgewicht im Hirn zutun hat, da glaub ich, daß nicht das Ungleichgewicht an irgendwas schuld ist, sondernd dieses eventuell erst durch die Situationen ausgelöst wurde. Kann sein, daß sich das dann lange hält.

Aber das ist wohl wie die Henne und das Ei - wer war früher da?

Gruß...