Erfahrungsbericht einer von TTM ehemals Betroffenen

Der 9. Dezember 2006 war für mich ein Wendepunkt ohnegleichen – immer wieder habe ich versucht, die Trichotillomanie aufzugeben. Gelingen konnte es mir erst an diesem Tag. Nach elf gemeinsamen Jahren mit der Krankheit.

Im Alter von vier Jahren brach die Störung bei mir aus. Zu diesem Zeitpunkt schwebte das Thema Scheidung meiner Eltern im Raum, in dieser Situation fehlte die Zuneigung meiner nächsten Umgebung.
Die Wissenschaft spricht heute davon, dass die ersten Lebensjahre die wichtigsten sind.

Damals habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, alles Belastende zu verdrängen.
Ein Kleinkind kann die Geschlechtsumwandlung des Vaters ebenso wenig verstehen wie die fehlende Zuneigung oder eine subjektiv erlebte Vernachlässigung. Dabei hatte ich keine schlechte Kindheit in dem Sinne. Meine Mutter war schlichtweg zu hilflos.
Natürlich frage ich mich, weshalb niemand versuchte, einen Psychologen um Hilfe zu bitten bevor die Störung zu einer echten Gewohnheit werden konnte. Es waren Scham, Hilflosigkeit und das Wissen, hier versagt zu haben.

Zehn Jahre lang habe ich ausschließlich die Kopfhaare ausgerissen, oft sah man die kreisförmigen kahlen Stellen, die sich immer mal wieder verschoben. Gerissen wurde mit der linken Hand auf der linken Kopfhälfte. Der rechte Daumen blieb noch bis zu diesem 9. Dezember im Mund. Eine beschämende Gewohnheit, die mir lange Geborgenheit schenken konnte. Diese beiden Handlungen der Hände waren so eng miteinander verknüpft, dass ich nur beide gleichzeitig aufgeben konnte.

Als ich in die Pubertät kam, musste man sich früher oder später die Augenbrauen zupfen, um dazuzugehören. Lange habe ich mich darum gedrückt. Ich erinnere mich gut an den Abend, an dem ich begann, den Brauen langsam eine Form zu geben. Irgendwann geriet ich in einen Rausch, sie wurden sehr dünn, blieben aber schön. Kurze Zeit später wollte ich diesen Rausch ein weiteres Mal erleben. Dabei gingen schließlich alle Härchen verloren. Sie waren damals rotbraun, heute wachsen sie nur noch – wie bei meiner Mutter – hellblond bis weiß, selten dunkel und vor allem spärlich nach. Aus diesem Grund rasiere ich sie komplett ab, zeichne sie nach.
Es war ein wunderbares Gefühl, über die Haare zu streichen. Oft habe ich mit den Kopfhaaren gespielt, sie um den Finger gewickelt. Nach einer Weile war die Struktur so zerstört, dass richtige Locken entstanden. Ich erinnere: Nur auf der linken Kopfhälfte.

Die kahlen Stellen habe ich nie versteckt. Heute – zwei Jahre nach dem Überwinden der Symptome – sind meine Haare fast wieder gesund. Es wird noch eine Weile dauern, ich kann mich noch nicht mit ihnen anfreunden. Vielleicht werden sie in drei bis fünf Jahren wieder eine vollkommen gesunde Struktur haben.
Aus Gewohnheit und meinem Bedürfnis nach Schutz trage ich die Haare noch heute in der Öffentlichkeit fast nur noch geschlossen.

Als ich auf das Gymnasium kam erlebte ich die Folgen der Trichotillomanie so verletzend wie nie zuvor. Dabei wurde ich mehrmals täglich intensiv durch Worte und verachtende Blicke gedemütigt. Die TTM wurde immer heftiger, mein Selbstbewusstsein ging gegen Null, innerlich entwickelte ich allmählich die mir heute eigene Zerrissenheit und Entfremdung. Der – unerwartete – Absturz meiner schulischen Leistungen, das später dazukommende Ritzen und die unbemerkten Suizidgedanken wurden immer stärker.
Damals nahm mir auch die Krankheit jede Hoffnung.

Unterstützend wirkten die zahlreichen Beleidigungen Fremder.
„Wie sieht die denn aus“, „Gott, bist du hässlich“, wohlgemeinte, aber beschämende Ratschläge und Aussagen aus der Klasse und dem Familienkreis wie „Hast Du es schon mal mit Brennnesseltee versucht?“, „Du hast ja schon wieder ’Locken gedreht‘“ oder zweifelhaftes Lob wie „Oh wie süß, deine Enkeltochter macht sich selbst Locken“ waren üblich. Jeder Kommentar hinterließ deutliche Spuren in mir. Bis heute kann ich mich nicht schön finden – ich verbiete es mir regelrecht.

Einmal machte ich auf Drängen anderer eine Verhaltenstherapie, die ich kurze Zeit später wieder abbrach.
Jeder Betroffene muss erst wirklich bereit für diesen Schritt sein.
Ich war es definitiv nicht. Niemals hätte ich mir erlaubt, keinen sofortigen Fortschritt zu sehen. Wie so oft zeigt sich in meinem Verhalten der Perfektionismus, der für die Trichotillomanie üblich ist. Selbstverständlich wusste ich, dass ich diese Therapie gebraucht habe. Mein Herz wollte es allerdings noch nicht. Immer hatte ich das Gefühl, mich für die Dinge, die geschehen sind, bestrafen zu müssen.
In der Verhaltenstherapie konzentrierte man sich in erster Linie auf das Ritzen, das meine Mutter auch deutlich mehr störte als die TTM – zu dieser Zeit hatte ich meine Reißtechnik so perfektioniert, dass keine kahlen Stellen mehr entstanden, ein Fremder nur noch die zerstörte Haarstruktur sehen konnte (nicht erwähnenswert, dass die Häufigkeit der Beleidigungen gleich blieb).
Meine Psychologin konnte mich in diesem Punkt nicht verstehen. Nie hätte ich vor den Augen eines Fremden reißen können, nie mich ohne Bedenken öffnen können. Heute kann ich das Ritzen unterdrücken. Diese blutigen Wunden haben mich nie gestört. Deshalb wurde ich nie gedemütigt. Was ich bekämpfen wollte, war die TTM. Gelernt habe ich dabei das Autogene Training, auch wurde mit Hypnose gearbeitet. Beide Methoden waren angenehm, ich kann sie empfehlen.

Dennoch habe ich meine Störung nie als Gewohnheit empfunden. Ich möchte sie nicht auf eine Ebene mit dem Rauchen stellen. Was ich wollte war doch, die Ursachen zu verstehen. Für mich war diese Form der Therapie ungeeignet. Sie konnte mir nicht helfen. Am Ende habe ich die Symptome alleine unterdrückt und heile mich allmählich mit Lebenszielen, dem spirituellen Yoga und der Autosuggestion.
Als Betroffener gelangt man einmal an den Punkt, an dem man die TTM verstehen möchte.
Dazu wollte ich herausfinden, weshalb ich riss. Langeweile, Trauer, Wut, Stress, Hilflosigkeit.
Die Ausprägung meiner Trichotillomanie war eine Sonderform, weil ich im Kleinkindalter begonnen habe und täglich mehrere, bis zu 13, Strähnen (Durchmesser etwa 1 mm) riss, wobei das Ausmaß natürlich von meiner psychischen Situation abhing.

Es hat lange gedauert, bis ich die TTM aufgeben konnte, bis ich mich ganz bewusst von ihr trennen konnte. Dabei würde ich mich heute als geheilt bezeichnen. Diese Heilung zeigte sich nur zu einem geringen Anteil bei den fehlenden Symptomen. Wirklich gelingen konnte sie erst mithilfe einer wirklichen Selbstanalyse.
Dabei halfen mir sechs Schritte:

  1. Austausch mit Betroffenen und der Umgebung (Freunde, Familie, Partner), möglich wäre auch eine eigene Homepage, der Besuch eines der Foren, eine Selbsthilfegruppe. Mich belastet das Schweigen noch heute. Ein Bekannter mied das Thema, weil er mich nicht verletzen wollte. Kein guter Weg.
  2. Die Ursachen: Wann veränderte man sich wie? Hat die Umwelt den Ausbruch der Störung wahrgenommen?
  3. Die Vorteile: Was bringt mir die TTM? Mich zwang sie dazu, vorsichtiger mit mir umzugehen. Was will die Störung sagen?
  4. Die Gedanken: Erstellt drei Hefte – ein Tagebuch, eine Sammlung schöner Erlebnisse (drei pro Tag), ein Protokoll der TTM (Datum, Situation, Gedanken, Gefühle, Körper, Verhalten, Folgen (kurz- und langfristig), mir halfen auch eine Strichliste und ein Diagramm.
  5. Die Gespräche: Das Auslegen der Tipps (www.trichotillomanie.ch/TippsTricks.php) kann helfen
    [Anmerkung: Die Seite ist leider nicht mehr erreichbar. Anna L.]
  6. Das Individuum: Du als Mensch bist wunderbar. Zähle Deine Vorzüge auf, bitte auch Freunde darum, Dich schriftlich zu beschreiben. Schwäche Deine Stärken nicht ab. Lasse zu, dass Du Selbstliebe verdienst. Belohne Dich. Akzeptiere Fehler.

Ich habe das alles lange nicht zugelassen, weil ich nicht begreifen konnte, dass meine seelische Gesundheit Vorrang vor scheinbaren Pflichten hat. Dass sie mindestens auf einer Ebene steht wie die meines Körpers.

Findet euren Weg, sobald ihr bereit seid. Drängt eure Seele nicht und gebt euch Zeit. Wenn ich elf Jahre lang krank war, sollte ich meinem Körper auch eben diese Zeit geben, um ganz gesund zu werden. Wagt es, euch zu öffnen und gebt nicht nach dem ersten Therapeuten auf.
Die Trichotillomanie ist für mich nur ein Symptom, das nicht verabscheut werden sollte. Sie zeigt die Bedürfnisse einer zerstörten Psyche, spricht mit euch, leitet an, sorgsamer mit der Seele umzugehen.
Die Chance, geheilt zu werden bleibt immer. Auch nach zehn Jahren und auch nach 30.

Ich wünsche euch, dass einmal der richtige Zeitpunkt kommen wird, eine Therapie zu beginnen. Dass ihr einmal wisst, dass ihr die TTM nicht länger braucht. Dass ihr den Glauben an euch nicht verliert, Kraft sammelt aus den kleinen glücklichen Momenten. Lasst den Gedanken zu, dass ihr wunderbar seid.

Angehörige sollten versuchen, mit den Betroffenen zu sprechen, verständnisvoll, sanft, ohne Anschuldigungen und mit viel Geduld. Viele Betroffene vermissen eine Geborgenheit, Liebe, das Verständnis und fürchten, verurteilt zu werden. Das Zurückweichen und das Totschweigen waren für mich am Ende schmerzvoller als die Demütigungen, die ich durch die Trichotillomanie erfahren habe.

Euch wünsche ich alles Gute.
Jeder Einzelne kann die TTM überwinden, wenn die Zeit reif dafür ist.