Tips für Angehörige und Freunde

Wenn der Partner, die beste Freundin oder ein Familienmitglied Trichotillomanie (Trich, TTM) hat, sind Angehörige und Freunde oft verunsichert. Sie möchten helfen, aber nichts falsch machen. Sie möchten verstehen, aber nicht aufdringlich sein mit ihren Fragen.

Eines vorab: Es gibt leider keine universell gültige Behandlungsmöglichkeit, keine Therapie, die jeder/m Betroffenen gleich gut hilft. Aber es gibt eine Menge Ansätze, die einigen geholfen haben und daher einen Versuch wert sind. Dafür brauchen wir Betroffenen Geduld, vor allem mit uns selbst, Information und die Unterstützung unserer Lieben.

Es fällt uns Betroffenen oft schwer, über Trich zu reden. Der Grund dafür ist meist Scham und Angst. Der Impuls zum Haareausreißen ist nicht oder nur sehr schwer kontrollierbar. Wir schämen uns dafür, unser Verhalten nicht unter Kontrolle und unseren Haarverlust selbst verursacht zu haben. Und wir fürchten uns vor dem Urteil unserer Familie und Freunde, davor, für schwach oder verrückt gehalten zu werden und als Versager dazustehen. Bitte habt Verständnis dafür, wenn wir (manchmal) nicht darüber reden wollen.

Was kann ich als Angehöriger für die Betroffene/den Betroffenen tun?

Informiert euch über die Krankheit. Lest das Buch, stöbert auf dieser Seite und anderen Websites, holt euch alles an Information, das ihr finden könnt.

Fragt „eure/n“ Betroffenen, was sie oder er braucht und möchte. Bietet Hilfe an, drängt sie aber keinesfalls auf. Hört zu, nehmt ernst, was ihr hört und respektiert die Wünsche eurer/s Angehörigen. Das ist nicht immer leicht, besonders wenn der Wunsch darin besteht, dass keine Behandlung erfolgen soll oder ihr euch raushalten sollt.
Bedenkt aber bitte, dass eine erzwungene Therapie keinen Erfolg bringen und wahrscheinlich auch nicht durchgehalten wird. Eine Therapie ist in der Regel anstrengend und erfordert viel Kraft, nicht jede/r ist zu jedem Zeitpunkt dazu bereit bzw. in der Lage.
Die gute Nachricht: Trich ist keine lebensbedrohliche Krankheit, es sind „nur“ Haare und die wachsen normalerweise immer wieder nach.
Und es ist jederzeit möglich, dass die/der Betroffene die Meinung ändert und den Kampf gegen die Krankheit aufnehmen will.

Welche Unterstützung im Einzelnen sinnvoll ist, hängt vom Alter der/des Betroffenen und deren/dessen Fähigkeiten ab. Fragt bitte immer nach, was gewünscht und was zu viel ist.

Begleitung zum Arzt und/oder Therapeuten – nehmt Informationsmaterial wie den Trich-Flyer mit oder verweist auf diese Seite und andere Informationsquellen für den Fall, dass euer Ansprechpartner noch nichts von Trich gehört hat.

Begleitung zum Friseur – nehmt den Friseur-Flyer mit!

Aufklärung von Fremden, Freunden und allen anderen, die verletzende Bemerkungen machen. Stärkt eurer/eurem Betroffenen den Rücken, zeigt, dass ihr sie/ihn liebt und so akzeptiert, wie sie/er ist.

Helft beim Ausfüllen des Selbstbeobachtungsbogens (es gibt mehrere verschiedene auf der Seite zum Download, probiert aus, mit welchem ihr am besten klarkommt).

Denkt euch gemeinsam Alternativen zum Reißen aus. Das erfordert, dass der/dem Betroffenen das Reißen bereits bewusst ist, ist also eine „fortgeschrittene“ Maßnahme. Einige Vorschläge dazu finden sich hier.

Gebt euch gegenseitig Kopfmassagen, kauft zusammen Haarschmuck, Tücher oder Mützen, die der/dem Betroffenen gefallen bzw. Make-up für die, die sich Brauen und/oder Wimpern ausreißen. Damit könnt ihr das Thema Haare positiver besetzen.

Denkt euch gemeinsam Belohnungen für vorher definierte Erfolge aus. Die Schritte können (lächerlich) klein sein, wichtig ist, sich etwas Gutes zu tun und das Gefühl zu haben, dass man etwas erreicht hat. Lobt eure/n Betroffene/n!

Was sollte ich vermeiden?

Macht keine Vorwürfe. Nie.

Seid nicht enttäuscht, wenn eure/euer Betroffene/r nach einer besseren Phase oder völliger Reißfreiheit wieder einen Rückfall hat. Wir sind in einer solchen Situation selbst von uns enttäuscht und gerade beim ersten Rückfall sehr verzweifelt. Wir brauchen dann Trost und Ermutigung.

Verbotene Sätze:

Warum machst du das? In der Regel wissen wir das selbst nicht. Zumindest nicht, bevor wir den Selbstbeobachtungsbogen ausgewertet haben. Und dann lautet die Antwort im Normalfall: zur Stressbewältigung. Warum wir uns ausgerechnet die Haare ausreißen und nicht z.B. essen, rauchen, trinken oder andere ungesunde Dinge tun, ist wohl eine Frage der Veranlagung. Warum Menschen sich überhaupt die Haare ausreißen, ist noch nicht geklärt.

Hör doch einfach auf! Dieser Satz ist sehr verletzend. Wir würden aufhören, wenn wir könnten, sofort.

Das ist (nur) eine Macke. Nein. Es ist eine Krankheit, für die wir nichts können.

Du reißt schon wieder. Wenn die/der Betroffene darauf aufmerksam gemacht werden möchte, muss der Wunsch ausdrücklich von ihr/ihm kommen. Und die Mitteilunung sollte in jedem Fall in einem Tonfall erfolgen, der frei von Vorwürfen ist. Die/Der Betroffene hat selbstverständlich jederzeit das Recht, ihre/seine Meinung hierzu zu ändern. Manche/r denkt, es könnte helfen, stellt dann aber fest, dass es die Belastung nur erhöht.

Das sieht doch schlimm aus, warum tust du dir das an? Wir wissen, wie es aussieht. Das eigene Verhalten nicht unter Kontrolle zu haben und kahle Stellen mühsam und zeitaufwändig jeden Tag aufs Neue verdecken zu müssen, ist kein Spaß.
Wir möchten von unseren Angehörigen für unseren Charakter geliebt und geschätzt werden, für die Person, die wir sind, unabhängig davon, wie wir aussehen. Bitte schämt euch nicht für uns, das tut nämlich sehr weh.

Was kann ich als Angehöriger für mich selbst tun?

Es kann sehr belastend sein, wenn eine geliebte Person psychisch krank ist. Um ihr helfen und sie entlasten zu können, brauchen Angehörige oft selbst Hilfe. Sucht euch jemanden zum Reden, um eure Ängste und Bedürfnisse, eure Sorgen und Wünsche zu teilen. Ihr könnt dafür die Dienste der Infostelle Trichotillomanie in Anspruch nehmen. Versucht, andere Angehörige zu finden, z.B. über das Forum oder eine Selbsthilfegruppe (gründet zur Not eine). Viele Gruppen starten heutzutage in sozialen Netzwerken wie Facebook.
Scheut euch auch nicht, professionelle Hilfe, z.B. Psychologische Berater/Psychotherapeuten aufzusuchen, besonders wenn die Familiensituation belastet oder angespannt ist.

Und nochmal zur Erinnerung, weil es mir sehr wichtig ist: Versucht, den Haarverlust nicht überzudramatisieren. Es gibt so vieles, das wichtiger ist. Auch wir wollen einfach nur glücklich sein, Tolles erreichen und das Leben genießen.


Habt ihr weitere Fragen, die hier noch beantwortet werden sollten? Anregungen von Betroffenenseite? Ich freue mich über Feedback unter mail@trichotillomanie.de.